Angedacht

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Stefan Piechottka20.10.2011
Hungrig
In den letzten Tagen musste ich an zwei sehr unterschiedliche Menschen denken, die ich vor ein paar Jahren kennen gelernt habe. Der eine ist ein ehemaliger Söldner, der viel Geld damit gemacht hat, dass er für Regierungen und Privatunternehmen gekämpft und getötet hat. Als ich ihn traf, war er ein zerbrochener Mann, der nicht mehr mit dem klar kam, was er alles getan und erlebt hatte. Das Wenige, was er mir bei unserem ersten Treffen erzählt hat, reichte aus, um zu verstehen, wie hässlich das Tal seiner Erinnerungen war. In den letzten Jahren hatte er versucht, seine Seele und seine Gefühle mit Alkohol zu betäuben, aber er schaffte es nicht. Er saß vor uns, erzählte uns aus seinem Leben und wir spürten, wie groß sein Hunger war nach Vergebung war, nach Versöhnung und echten, inneren Frieden, der endlich einmal wieder dafür sorgen würde, dass er durchschlafen kann.
Der zweite Mensch, an den ich denken musste, ist eine junge Frau, die damals, als ich sie kennen lernte, noch studiert hat. Hochintelligent und wissensdurstig. Seit vielen Jahren spürte sie, dass es im Leben um mehr geht, als groß zu werden, einen Beruf zu erlernen, zu arbeiten, eine Familie zu gründen, noch ein wenig fernzusehen und dann zu sterben. Sie ahnte etwas von Gott oder, wie sie es formuliert hat: „von der Macht, die da um uns herum ist“. Sie sehnte sich danach, hier Antworten zu finden und so hatte sie als ich sie kennen lernte, bereits mehr Religionen ausprobiert, als ich überhaupt kannte. Auch sie hatte Hunger. Hunger nach Antworten, Hunger nach Gott. Hunger nach dem Sinn des Lebens.

Vor und nach den beiden habe ich immer wieder einmal Menschen getroffen, denen es ganz ähnlich ging. Oft sah man es ihnen nicht so direkt an, dass sie hungrig waren. Ganz im Gegenteil, viele sahen sehr satt aus, aber manchmal kam dann doch dieses Gefühl auf den Tisch, dass ihnen im Leben noch etwas fehlt. Manchmal drückten sie ihren Hunger damit aus, dass sie erzählten, wie sehr sie unter diesem Kreislauf aus Streit, nachgetragenem Versagen, neuen Verletzungen und kaputten Beziehungen litten. Auch wenn sich dieser Lebenshunger ganz unterschiedlich ausdrückt, ich glaube, dass sehr viele davon betroffen sind.

Kommen wir einmal zum Titelbild dieser Ausgabe. Die Zwetschgen, die ihr dort seht hängen an einem Baum ganz in der Nähe von unserem Haus in Cyriaxweimar. Er gehört zu einer ganzen Allee von Zwetschgenbäumen, die im Augenblick alle so voll hängen, dass sich die Äste biegen. Und das Besondere daran: Die Bäume gehören scheinbar niemandem. Jedenfalls weiß im Dorf niemand so richtig, wer der Eigentümer. Und so werden die Bäume zu einem echten Geheimtipp für alle Ostkuchenbäcker und Einmachprofis. Hier gibt es Zwetschgen für jeden in rauen Mengen. Die Bäume zu finden ist nicht schwer. Sie stehen gut sichtbar an einem Feldweg. An die Früchte heranzukommen ist auch ganz leicht. Die Äste ragen in wenig auf den Weg. Wer Hunger hat, muss seine Hand nur ein wenig ausstrecken.

Gut, bringen wie mal die Menschen, von denen ich gerade erzählt habe mit dem Apfelbaum zusammen. Ich glaube, dass eine Aufgabe unserer Gemeinde darin besteht, so etwas wie ein Obstbaum mitten in unserer Gesellschaft zu sein. Menschen solle durch uns und bei uns Antworten bekommen auf die grundlegenden Fragen in ihrem Leben. Sie sollen bei uns und durch uns verstehen, dass es eine Möglichkeit gibt, mit Schuld und Unversöhnlichkeit fertig zu werden. Wenn sie uns kennen lernen, dann sollen sie auch gleichzeitig Jesus kennen lernen, durch den sie dann Gott erkennen können. Sie sollen verstehen, dass Gott der Grund ist, warum sie leben und die Beziehung zu ihm, der Sinn ihres Lebens ist. Nicht um eine intellektuelle Wissenslücke zu schließen, sondern um einen echten, tiefen Lebenshunger zu stillen. Sie sollen satt werden.

Und so, wie die Obstbäume bei uns leicht zu finden und für jeden verfügbar sind, so sollten wir als Gemeinde auch sein. Wenn wir möchten, dass Menschen durch uns satt werden, dann sollten wir darauf achten, dass wir niemals zu einem Geheimntipp hinter hohen Zäunen werden, sondern dass wir dort „stehen“, wo die Menschen leben, die hungrig sind. Der Grillabend in der Nachbarschaft, an dem wir vielleicht einfach nur mal zuhören und nur lautlos, innerlich beten, kann dann wichtiger werden, als ein Abend im Hauskreis, an dem wir unter uns sind und über wichtige theologische Fragen diskutieren. Der Besuch beim Nachbarn, der gerade seine Frau verloren hat und nun nicht mehr weiß, wohin mit seiner Einsamkeit kann genauso wertvoll sein, wie eine Bibelstunde.
Was ich uns wünsche ist, dass wir immer mehr Mut bekommen uns als Gemeinde mit Haut und Haaren den Menschen zuzuwenden, die gerade hungrig sind und sich nach echten Antworten, Zuwendung, Liebe und Verständnis sehnen.

Stefan Piechottka